Wenn das Pferd keinen Reiter auf dem Rücken duldet…

Luuk Teunissen

Bei jeder meiner Veranstaltungen ist es mein erklärtes Ziel, dem Publikum etwas mit zu geben. Ich möchte, dass meine Zuschauer verstehen, wie ich mit Jungpferden arbeite und wie ich mit Verhaltensproblemen umgehe. Deswegen kann jeder sein rohes Pferd oder sein Pferd, das Probleme zeigt, bei mir für die Veranstaltung anmelden. Aus allen Anmeldungen suche ich mit meinem Team das Pferd mit der interessantesten Geschichte aus, von der wir denken, dass sie für das Publikum lehrreich und spannend sein wird.

Da ich die ersten Schritte und die darauf folgenden Fortschritte des Pferdes für das Publikum sichtbar machen möchte, dürfen nur Pferde teilnehmen, die ich vorher nie gesehen habeSo ging es auch an diesem Samstag bei Krämer in Florstadt.

Für die Vorführung haben wir Corona ausgesucht, sie ist eine fünfjährige Cornet Obolensky Enkelin, die laut Besitzerin keinen Reiter auf ihrem Rücken duldete. Mit vier Jahren wurde sie durch einen professionellen Bereiter angeritten und buckelte dort jeden Reiter herunter. Da für ihr Verhalten die körperliche Konstitution, ein Karpfenrücken, in Frage kam, wurde sie durch den Tierarzt durch gecheckt. Weder palpatorische noch röntgenologische Untersuchungen ergaben eine Ursache für ihr Verhalten.

Diese Untersuchungen sind immer das erste, was ich einfordere, wenn es um ein buckelndes Pferd geht. Außerdem werden der Sattel und die Zähne überprüft. Gibt es keinen körperlichen Grund für das Buckeln, kann man sich an das Verhaltenstraining an sich machen. Mehr muss ich über ein Pferd gar nicht wissen, außer dass es durch einen Tierarzt abgesegnet ist, dass es körperlich fit ist. Jedes Pferd reagiert bei einem neuen Menschen wieder anders und wird mir seine Geschichte selbst zeigen. Ich baue mein Training Schrittweise auf und sehe so, auf welcher Ebene das Problem liegt und was ich daran arbeiten kann.

Gibt es keinen körperlichen Grund für das Buckeln, kann man sich an das Verhaltenstraining an sich machen.

Das erste, was mir an Corona auffiel war, dass sie mich am Liebsten über den Haufen rennen wollte, sie konzentrierte sich überhaupt nicht auf mich, sondern war nur mit ihrer Umgebung beschäftigt. Sie hielt keinen Abstand zu mir ein und zeigte mir so, dass sie mich überhaupt nicht respektierte und mich kaum wahrnahm. Um daran zu arbeiten war meine erste Übung ganz einfach von ihr zu verlangen mitzukommen wenn ich lief, stehen zu bleiben, wenn ich das tat und rückwärts zu gehen, wenn ich auf sie zu lief. Dadurch, dass ich die Kontrolle über ihre Bewegungen übernahm, konnte sie sich mehr und mehr entspannen. Als ich ihre Aufmerksamkeit hatte, habe ich sie erst einmal frei von mir weg geschickt, um ihr zu zeigen, dass ich in der Position bin sie zu bewegen und nicht anders herum. Außerdem hatte ich so die Möglichkeit sie mir in Bewegung anzuschauen und zu beurteilen, ob alles in Ordnung ist.

Luuk TeunissenHier möchte ich anmerken, dass ich das Pferd nicht im wilden Renngalopp um mich herum jage, sondern es mir nur darum geht zu zeigen, dass ich die Kontrolle übernehme. Das geht genauso im Schritt und Trab! Nach circa 6 Minuten habe ich sie eingeladen wieder zu mir zu kommen. Ich konnte ihr durch meine Körpersprache zeigen, dass sie bei mir in Sicherheit ist und dass es angenehmer ist bei mir zu sein, als draußen auf dem Zirkel.

 

Als nächstes haben wir sie gesattelt und ein Herzfrequenzmessgerät der Firma Polar angebracht, sodass wir während der Arbeit ihren Puls kontrollieren können. So können wir sehen, wenn sie bei einer Sache besonders gestresst ist. Interessanterweise zeigte sich, dass ihr Puls während der ganzen Vorführung im normalen Bereich war, was darauf deutet, dass es sich bei ihrem Buckeln um erlerntes Verhalten handelte.
Luuk Teunissen longiertAn der Doppellonge hatte ich keine Schwierigkeiten Corona zu lenken, sie kannte diese Arbeit auch schon. Ich habe aber, im Gegensatz zu der bisherigen Arbeit, am Halfter longiert, damit sie das für das Reiten anschließend schon gewöhnt ist. Es war wichtig sie an das Halfter zu gewöhnen, damit sie später, sollte es eine Situation geben, in der ich ungewollt stark am Zügel ziehen müsste, nicht unvorbereitet ist. Wenn man mit durchgehenden, steigenden oder buckelnden Pferden arbeitet kann es schon einmal vorkommen, dass man in einer gefährlichen Situation stark in die Zügel greift. Deswegen möchte ich nicht am Gebiss arbeiten, um negative Assoziationen mit dem Reiten am Gebiss zu vermeiden. Am Halfter ist der Druck weniger stark und das Pferd bekommt nicht so schnell Panik, sodass ich es auch in schwierigen Situationen besser kontrollieren kann.
Aufsteigen PferdNachdem die Arbeit an der Doppellonge so schön geklappt hatte, begann ich mich über Coronas Rücken zu lehnen, was alles andere als einfach war. Sie zeigte uns mit angelegten Ohren und Schweif-Schlagen deutlich, wie genervt sie von uns war. Es kam sogar so weit, dass sie nach hinten austrat und leicht das Hinterteil in die Höhe schmiss. Wir haben unsere Schritte ganz ruhig weiter aufgebaut und sie immer wieder belohnt, indem ich mich als Reiter, entfernt habe. So sind wir so weit gekommen, dass ich mich, auf ihrem Rücken liegend, hin und her bewegen konnte. Diese Prozedur führten wir von beiden Seiten durch.

Da Corona noch sehr auf ihren Konflikt mit dem Reiter konzentriert war, musste ich mir eine Ablenkung für sie ausdenken. Also habe ich ein paar Pylonen aufgestellt, um die meine Praktikantin Corona in engen Kreisen herum führte. Nach einigen Wiederholungen entspannte sich Corona, weil sie die Übung ganz einfach fand und genau wusste, was von ihr verlangt wurde. Dann habe ich die Pylonen im Roundpen verteilt, sodass ich sie benutzen konnte, um ihr eine einfache Aufgabe zu geben, wenn ich merkte, dass sie wieder angespannt wurde. So haben wir die Übungen schrittweise gesteigert, bis ich sie frei in Schritt und Trab um die Pylonen reiten konnte. Was für ein super Ergebnis für eine Einheit von circa 35 Minuten.

 

Luuk Teunissen im SattelIn diesen Vorführungen versuche ich immer dem Pferd und seinem Besitzer so viel wie möglich mitzugeben, um sie in die richtige Richtung zu schicken. Natürlich sind die meisten Pferde nach einer Einheit nicht fertig mit dem Training, aber die Besitzer haben oft genug gesehen, um selbst weiterkommen zu können. Außerdem bin ich immer für die Pferdebesitzer da, die nach der Vorführung noch Hilfe brauchen.
Wann die nächste Vorführung stattfindet, könnt ihr unter folgendem Link einsehen: www.luukteunissen.com/events/ . Ich freue mich schon auf zahlreiche Anmeldungen!

 

 

 

 

 

 

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Geschrieben von Luuk Teunissen

Bereits seit frühester Kindheit sitzt Luuk auf dem Rücken der Pferde; seit seinem 8. Lebensjahr nimmt er auch erfolgreich an Turnieren im Dressur - und Springsport teil. Seit mehreren Jahren arbeitet er in den Niederlanden und in Deutschland als Pferdetrainer und ist spezialisiert auf das Training von Problem-/Trauma Pferden und Anreiten/Starten von Jungpferden.

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