Hilfszügel richtig anwenden: Pferde mit Hilfszügeln arbeiten

Die Zahl an Hilfszügeln ist groß und damit hat der Ausbilder eine breite Palette an Trainingsmöglichkeiten. Dennoch können Hilfszügel ethisch und trainingsbezogen vor viele Probleme stellen, wenn man sich zu sehr auf sie verlässt. Über die Risiken, aber auch Chancen von Hilfszügeln haben wir im entsprechenden Kapitel näher beleuchtet. In diesem Ratgeber gehen wir nun auf die praktischen Aspekte von Hilfszügel ein und veranschaulichen, wie sie als Hilfsmittel in eine fundierte, abwechslungsreiche und systematisch aufgebaute Ausbildung einfließen können.

Pferd mit Ausbindern

Der Zeitpunkt, wann Hilfszügel eine sinnvolle Unterstützung sein können

Mit den Vorurteilen von Hilfszügeln haben wir im Ratgeber Chancen und Risiken von Hilfszügeln aufgeräumt. Dennoch sollte man sich vor ihrem Gebrauch ernsthaft Gedanken machen, ob sie tatsächlich nötig sind. Denn Hilfszügel haben entscheidende Auswirkungen auf die Gesundheit, Losgelassenheit und den Muskelaufbau des Pferdes. Weiterhin sollte man bedenken, dass allein durch ihren Einsatz die Probleme nicht beseitigt und die Ausbildungsziele nicht erreicht werden. Es gehört mehr dazu!

Pferd ausgebunden longiert

Hilfszügel kommen als kurze Korrekturmaßnahme in Betracht. Sie werden kurzzeitig und problemorientiert eingesetzt. Das oberste Ausbildungsziel ist es, ohne Hilfszügel auszukommen. Vom dauerhaften Einsatz wird dringend abgeraten – das gilt sowohl für die einzelne Ausbildungseinheit als auch den gesamten Ausbildungsweg des Pferdes. Würden Hilfszügel als Dauermaßnahme eingesetzt, um beispielsweise die Ausbildungszeit zu verkürzen, wird sich das in fehlender Balance, falsch entwickelter Muskulatur, in Verspannungen und Verschleißerscheinungen rächen.

In den Richtlinien der FN werden in Bezug auf die Ausbildung Hilfszügel lediglich im Band 6 „Longieren“ erläutert. Denn beim Longieren entfällt die Anlehnung und äußerliche Begrenzung durch die Reiterhand. Aus diesem Grund gehen wir nachfolgend auf Hilfszügel beim Longieren ein, wobei die Punkte ebenso auf das Reiten übertragbar sind.

Typische Fehler bei der Verwendung von Hilfszügeln

Fehlende Ursachenforschung

Einer der häufigsten Fehler im Hilfszügel-Einsatz ist, diese als Beschleunigung in der Dressurausbildung anzusehen. Es wird keine Ursachenforschung betrieben, um die Probleme in der Ausbildung an der Wurzel zu eliminieren. Stattdessen wird durch den Einsatz von Hilfszügel das Symptom behandelt – die Ursache bleibt jedoch bestehen. Dadurch werden Scheinerfolge erzielt, deren Trugschluss ans Tageslicht kommt, sobald die Hilfszügel weggelassen werden.

Der Grund: Hilfszügel allein wirken lediglich auf die Vorhand von vorne nach hinten – das Pferd trampelt hörbar auf der Vorhand, die Hinterhand bleibt inaktiv. Dabei entstehen viele Probleme in Rücken und Hinterhand des Pferdes durch deren Inaktivität und Verspannung. Wenn diese nicht durch gymnastizierende Übungen aktiviert werden, bleibt der Hilfszügel wirkungslos bis kontraproduktiv.

Der Hilfszügel muss als Unterstützung in der Gymnastizierung angesehen werden und nicht als Schlüssel zum Erfolg.

Zu kurz geschnallte Hilfszügel

Es ist ein weitverbreitetes Problem: Zu kurz geschnallte Hilfszügel stören die Biomechanik des Pferdes. Der Hals dient dem Pferd als Balancierstange, mit welcher es sich auf unebenem Boden oder in engen Wendungen austariert. Außerdem hat die Position des Halses Auswirkungen auf die Hinterhand und umgekehrt. Werden die Ausbinder zu kurz geschnallt, entzieht man dem Pferd seine Fähigkeit, sich auszubalancieren.

Neben mentalem Stress hat diese Zwangshaltung negative Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit des Pferdes: Es entsteht ein falscher Knick im Genick, die Halsmuskeln werden überdehnt, der Rücken verkrampft und die Hinterhand kann nicht unter den Schwerpunkt schwingen. Stattdessen erhöht sich der Muskeltonus. Während die Oberlinie schlaff bleibt, arbeitet die Unterhalsmuskulatur gegen den Dauerzug an. Die Hinterhand läuft hinter dem Pferd her, wodurch sich die Hosenmuskulatur verkürzt.

Die gesundheitlichen Folgen von zu kurzen Hilfszügeln gehen noch weiter: Durch das übertriebene Einrollen des Halses wird der Blutstrom zum Herzen abgedrückt, weshalb kein sauerstoffreiches Blut mehr in die Muskeln gepumpt werden kann. Die Muskeln verhungern regelrecht und das Pferd bleibt trotz des Trainings schlecht bemuskelt.

Das Pferd wird niemals lernen, sich selbst auszubalancieren und sich dauerhaft auf das Gebiss legen. Das ist vergleichbar mit einem Kind, das Fahrradfahren lernt: Solange das Kind die Stützräder nutzt, wird es das richtige Fahrradfahren auf zwei Rädern nicht lernen.

Außerdem wird das Pferd durch die damit verbundenen Schmerzen nicht freiwillig den Kopf fallen lassen, weil es damit negative Assoziationen verbindet. Longieren ist wie Reiten ein Dialog zwischen Pferd und Mensch. Schnürt man das Pferd zusammen, verbietet man ihm die Teilnahme an diesem Dialog.

Hilfszügel werden zu früh und zu lange eingeschnallt

Hilfszügel ahmen eine starre Reiterhand nach und begrenzen die Kopf-Hals-Bewegung des Pferdes. Werden die Hilfszügel bereits zu Beginn der Einheit eingeschnallt, kommt es zu Verspannungen. Der Sachverhalt ist mit einem unaufgewärmten Spagat vergleichbar: Die kalten Muskeln sind nicht dehnfähig, um in die Haltung eines Spagats gebracht zu werden. Es tut weh, führt zu Muskelfaserrissen und Muskelkater.

Gleiches gilt für das Ausbinden junger Pferde, die sich noch nicht ausbalancieren oder ihre Hinterhand korrekt einsetzen können. Bevor Hilfszügel eingesetzt werden, muss das Pferd sich einigermaßen ausbalancieren und von hinten an das Gebiss herantreten können. Kann das junge Pferd seine Halshaltung nicht freiwählen, weil sie ihm durch den Ausbinder vorgeschrieben wird, werden beim Pferd Unbehagen und Stress hervorgerufen. Aus diesem Grund gehören Hilfszügel nicht junge Pferde!

Weiterhin entstehen Verspannungen, je länger das Pferd ausgebunden am Stück läuft. Nach bereits 10 bis 20 Minuten im Ausbinder können die Muskeln ermüden. Denn im Gegensatz zur Reiterhand geben Hilfszügel nicht nach, sobald das Pferd in der korrekten Haltung läuft. Dadurch hält sich das Pferd gegebenenfalls fest, bis es die Kraft verlässt. Das Pferd für eine komplette Longen- oder Reiteinheit ausgebunden laufen zu lassen, hat negative Effekte auf Losgelassenheit und Muskelaufbau des Pferdes.

Bei nach außen gestellten Pferden den inneren Hilfszügel kürzer schnallen

Wenn sich ein Pferd im Genick verwirft oder es beim Longieren dauerhaft nach außen schaut, liegt das Problem auch hier an fehlender Balance. Das Pferd ist nicht losgelassen, sondern steif, es fällt auf die innere Schulter und dreht den Kopf nach außen. In der Folge ist der Longenführer versucht, unaufhörlich an der Longe zu ziehen, um die Kopfstellung des Pferdes zu beeinflussen. Oder der innere Ausbinder wird zwei oder mehr Löcher kürzer geschnallt. Das ist ebenfalls in der Arbeitsphase gängige Praxis: Sobald das Pferd warmgelaufen ist, wird der innere Ausbinder verkürzt. Dieses Vorgehen ist jedoch kontraproduktiv. Es bewirkt, dass sich das Pferd steif macht, dagegen angeht und die falsche Muskulatur weiter stärkt. Außerdem wird das Pferd den Kopf immer noch so drehen, dass der äußere Ausbinder durchhängt, womit er seine begrenzende Wirkung verliert. Durch das innere Kürzerschnallen wird ein Symptom bekämpft und mit Zwang versucht, das schiefe Pferd gerade zu richten. Dabei liegt die Lösung des Problems in dem Finden der Balance.

Bei schiefen Pferden mit einer stark ausgeprägten hohlen Seite geht der Weg über systematisches Biegen und Geraderichten mithilfe von zahlreichen Übergängen, Seitengängen, Handwechsel und Trabstangen. Auch Bodenriks, Zirkel verkleinern und vergrößern, Rückwärtsrichten und Hinterhand- und Kurzkehrtwendungen schulen die Balance des Pferdes. Dabei sind beide Hilfszügel – sofern verwendet – gleichlang geschnallt.

Wenn sich das Pferd einrollt, den Hilfszügel höher schnallen

Wenn sich das Pferd hinter dem Zügel verkriecht, wäre es falsch, Ausbinder oder Laufferzügel höher zu schnallen, um eine höhere Aufrichtung zu erzielen. Das würde nur das Symptom ansprechen, aber nicht zur Wurzel des Problems durchdringen. Die Ursache für das Verkriechen ist einfach: Dem Pferd fehlt das Gleichgewicht und der Schub aus der Hinterhand. Ziel ist es demnach, das Rückenaufwölben und die Aktivierung der Hinterhand durch Stangenarbeit, Tempi- und Gangartwechsel und den Wechsel zwischen Geradestellen und Biegen zu erreichen. Dabei läuft das Pferd vorwärts, aber nicht eilig über sein natürliches Grundtempo hinaus, womit es sich sonst der Arbeit der Hinterhand entziehen würde.

Verwenden von gummierte Hilfszügeln oder Hilfszügeln mit Gummiteilen

Gummierte Hilfszügel oder Ausbinder mit Gummiringen sind in dem Glauben entwickelt worden, dass sie dem Pferd eine Erleichterung darstellen sollen. Allerdings führt das geringfügige Nachgeben des Materials dazu, dass sich das Pferd nicht vom Gebiss abstößt, sondern sich darauf legt. Es kommt zum Tauziehen zwischen Pferd und Ausbinder, woraufhin das Pferd auf die Vorhand fällt.

Um die Balance des Pferdes zu schulen und ihm den Weg in die Rückenwölbung zu zeigen, ist ein Hilfszügel mit Gummiringen kontraproduktiv. Allerdings kann er bei Voltigierpferden oder ausgebundenen Schulpferden bei der Sitzschulung nützlich sein, um das Pferdemaul zu schonen.

Weitere Tabus bei Hilfszügeln:

  • Hilfszügel werden an scharfen Gebissen wie Kandaren befestigt
  • Hilfszügel im Gelände (Gefahr beim Stolpern/Stürzen des Pferdes), Ausnahme: Martingal
  • Hilfszügel beim Springen (die Dehnungshaltung wird nicht ermöglicht), Ausnahme: Martingal
  • Hilfszügel in Anfängerhänden (beim Longieren und ohne Aufsicht)
  • Hilfszügel verwenden, um ein Pferd am Durchgehen zu hindern (das können sie nämlich nicht)

Fehler vermeiden durch eine korrekten Verschnallung der Hilfszügel

Das Potenzial der Hilfszügel steht und fällt mir ihrer Verschnallung. Bei maximaler Dehnung der Hals-Rückenmuskulatur soll sich Pferd ans Gebiss heran dehnen. Dabei bleibt die Stirn-Nase-Linie vor der Senkrechten.

Im Kapitel Hilfszügel-Arten und ihre Wirkung gehen wir daher auf ihre Wirkungsweise und korrekte Verschnallung ein.

So wendest du Hilfszügel beim Reiten und Longieren korrekt an

Wir erkennen, dass der alleinige Einsatz von Hilfszügeln nicht das Pferd zu einem losgelassenen, rittigen und gesund bemuskelten Reitpferd machen. Grundlage jeden Ausbildungsziels ist eine langfristig gedachte, schrittweise und systematisch aufgebaute Ausbildung. Hilfszügel können korrektes Reiten oder die Longier- und Bodenarbeit nicht ersetzen, jedoch unterstützen. Daher achte auf folgende Grundsätze bei der Arbeit mit Hilfszügeln:

Weit bevor daran gedacht wird, Hilfszügel einzuschnallen, muss das Pferd warmgelaufen bzw. warmgeritten werden. Das Pferd befindet sich in einem losgelassenen, mentalen Zustand und seine Muskeln, Bänder und Sehnen sind auf die Bewegung vorbereitet. Die Losgelassenheit des Pferdes erkennt man an einem zufriedenen Gesichtsausdruck, einem schwingenden Rücken, mit den Bewegungen pendelnden Schweif und dem freiwilligen Dehnen des Halses.

Das Pferd muss mindestens 10 Minuten im Schritt gehen und erste Lösungsaufgaben absolviert haben. Nach circa 20 bis 25 Minuten ist das Pferd in allen Grundgangarten aufgewärmt und es kann zur Arbeitsphase mit Hilfszügeln übergegangen werden. Selbiges gilt für Schulpferde!

Nach der Arbeitsphase werden die Hilfszügel zum Trockenlaufen wieder ausgeschnallt, um einer Muskelermüdung vorzubeugen.

Allgemein gilt: Das Pferd nicht länger als 10 bis 20 Minuten ausgebunden laufen zu lassen. Die müden Muskeln müssen sich erholen können, sonst werden Verspannungen, Fehlbelastungen und Fehlausprägungen provoziert.

Der Hilfszügel erlaubt, dass das Pferd seinen Hals und Kopf bewegen kann

Die Länge der Hilfszügel ist von der Größe/Länge des Pferdes und Halses, des Halsansatzes und der Bewegungsmuster abhängig. Die Länge sollte so gewählt werden, dass das Pferd seinen Hals und Kopf weiterhin als Balancierstange nutzen kann. Es sollte nicht das Ziel sein, das Pferd in eine runde Oberlinie zu zurren, da eine schöne Halsformung das Ergebnis einer systematischen Gymnastizierung und aktiven Hinterhand ist. Außerdem muss die Dehnung nach vorne unten erlaubt werden. Daher muss nach ein paar Runden der Hilfszügel eventuell noch einmal länger korrigiert werden. Denn im Stehen bleibt das Pferd eventuell vor der Senkrechten, in der Bewegung rollt es sich jedoch ein.

Nimmt das Pferd hin und wieder den Kopf nach oben, sollte man dies nicht weiter beachten, sofern das Pferd nicht dauerhaft mit hochgerecktem Kopf und durchgedrücktem Rücken läuft. Nimmt das Pferd den Kopf einmal nach oben, dient es der Entlastung und es braucht nach der körperlichen Anstrengung eine Pause. Außerdem muss das Pferd durch Anheben des Kopfes auf seine Umgebung reagieren können. Bei korrekter Ausbildung wird das Pferd von alleine und mit der Zeit immer länger in einer gesunderhaltenden Haltung (gewölbte Oberlinie und Rücken) laufen.

Ablauf einer möglichen Longenstunde mit Ausbindern

  • Das Pferd wird mindestens 10 Minuten ohne Ausbinder warm gelaufen
  • Lösephase: Mit lösenden Übungen, wie Übertreten, vielen Handwechseln, Übergängen und Tempiwechseln beginnen. Nach 20 bis 25 Minuten sind Sehnen, Bänder und Muskeln des Pferdes ausreichend aufgewärmt.
  • Arbeitsphase: Die Ausbinder können eingeschnallt werden, wobei sie ausreichend lang und gleich lang sind.
  • Begonnen wird auf der „guten“ Seite des Pferdes.
  • Gegebenenfalls müssen die Ausbinder kürzer geschnallt werden, je wärmer, losgelassener und lockerer das Pferd wird.
  • Nach einigen Minuten Trab kann der Galopp hinzugefügt werden.
  • Trockenreiten: Nach der Arbeitsphase werden die Ausbinder ausgeschnallt und das Pferd locker getrabt bzw. im Schritt trocken geführt.

Ein Tipp zum Schluss:

Hin und wieder sollten Ausbinder, Dreieckszügel & Co. weglassen, um zu überprüfen, wie gut sich das Pferd bereits ausbalancieren kann. Denn die Balance muss das Pferd schließlich selbst finden. Es kann sie am besten erreichen, wenn es ohne seine „Stützräder“, die Hilfszügel, läuft. Durch abwechslungsreiche Übungen und Lektionen, die eine Biegung und Streckung im Wechsel verlangen, lernt das Pferd Körper und Hals korrekt einzusetzen. Denn das oberste Ziel ist, das Pferd ohne Hilfszügel in einer gesunden Haltung zu reiten und zu longieren.